31.08.2025
Sehr verehrte Gäste, liebe Geburtstagsgesellschaft,
es ist mir eine große Ehre, dass ich als Vorsitzende des Partnerschaftsvereins Tottori – Hanau ein Grußwort an Sie richten darf.
Unser Partnerschaftsverein zeigt in seinem Logo einen Hasen und einen Schwan, die auf einer Brücke aufeinander zulaufen.
Der Schwan ist das Wappentier der Stadt Hanau – aber was hat es mit dem Hasen auf sich?
Die japanische Geschichte vom Weißen Hasen von Inaba ist sehr alt und stammt aus den frühesten schriftlichen Aufzeichnungen Japans, die im Kojiki, der „Aufzeichnung alter Geschehnisse“ schon im Jahr 712 und im Fudoki, der „Aufzeichnung von Luft und Erde“ von Inaba erwähnt wird. Inaba war eine der historischen Provinzen Japans. Sie befand sich im östlichen Teil der heutigen Präfektur Tottori. Das bedeutet, dass diese Erzählung bereits über 1300 Jahre alt ist.
Und so wird die Geschichte vom weißen Hasen heute den Kindern inJapan und in Tottori erzählt:
Der weiße Hase von Inaba
Stell dir eine Zeit vor, lange ist’s her, da lebte auf einer kleinen Insel namens Oki ein pfiffiger, kleiner, weißer Hase. Dieser Hase schaute jeden Tag sehnsüchtig über das weite Meer zum großen Land Inaba. „Ach,“ seufzte er, „wie gerne würde ich dorthin gelangen! Aber wie soll ich nur über dieses viele Wasser kommen?“
Eines Tages, als er wieder am Strand saß und grübelte, sah er eine ganze Schule von Haien (manche sagen auch, es waren Krokodile, aber wir nennen sie mal Haie) im Meer schwimmen. Da hatte der Hase eine schlaue Idee! Er rief den Haien zu: „Hallo, ihr starken Haie! Ich wette, meine Hasenfamilie ist viel größer als eure Haifamilie! Wollen wir zählen, wer mehr ist?“ Die Haie, ein bisschen eitel und neugierig, riefen zurück: „Na klar, kleiner Angeber! Wie willst du das denn anstellen?“
Der Hase grinste. „Ganz einfach! Reiht euch einfach alle nebeneinander auf, vom Ufer hier bis rüber nach Inaba. Dann hüpfe ich über eure Rücken und zähle euch. So wissen wir, wie viele ihr seid!“
Die Haie fanden die Idee gut und legten sich tatsächlich in einer langen Reihe aneinander, wie eine Brücke aus Rückenflossen. Der Hase kicherte innerlich und begann zu hüpfen. „Eins, zwei, drei…“, zählte er, während er von einem Hai zum nächsten sprang, immer näher an das Land Inaba.
Als er fast am Ufer von Inaba angekommen war und nur noch über den letzten Hai springen musste, konnte er sich nicht mehr zurückhalten und rief voller Schadenfreude: „Haha, ihr dummen Haie! Ich habe euch reingelegt! Ich wollte gar nicht zählen, ich wollte nur über das Meer nach Inaba kommen!“
Der letzte Hai in der Reihe wurde furchtbar wütend, als er das hörte. „Was?! Du kleiner Betrüger!“, zischte er, drehte sich blitzschnell um und schnappte nach dem Hasen. Er erwischte ihn zwar nicht ganz, aber er riss ihm mit seinen scharfen Zähnen das ganze schöne, weiße Fell vom Leib! Auweia! Der arme Hase landete nackt und mit schrecklichen Schmerzen am Strand von Inaba. Die Sonne brannte auf seiner Haut, und jede Bewegung tat weh. Er weinte bitterlich.
Bald darauf kamen achtundsiebzig stolze Prinzen vorbei, die alle auf dem Weg waren, um die schöne Prinzessin Yagami zu umwerben. Als sie den weinenden, nackten Hasen sahen, lachten sie ihn aus. Aber der arme Hase bat sie um Hilfe. „Ach, du armseliges Ding“, sagte einer von ihnen spöttisch. „Wir haben einen guten Rat für dich: Geh und bade im salzigen Meerwasser und lege dich dann in den Wind, damit du trocknest. Dann wird es dir sicher besser gehen!“
Der verzweifelte Hase glaubte ihnen und tat, was sie sagten. Aber oh je, das Salzwasser brannte wie Feuer auf seiner nackten Haut, und als der Wind darüber blies, wurde es noch viel, viel schlimmer! Der Hase schrie vor Schmerz und wusste nicht mehr, was er tun sollte.
Nach einer Weile kam noch ein junger Mann des Weges. Er ging langsam, denn er trug einen großen Sack auf dem Rücken. Es war Ōkuninushi, ein Bruder der Prinzen. Er ist außerordentlich schön und hat Macht über Landwirtschaft und die Medizin und wird in Japan als Erdgott verehrt. Als er das Häschen sah, das sich vor Schmerzen krümmte, hatte er Mitleid. „Armer kleiner Hase“, sagte Ōkuninushi ganz sanft. „Was ist denn mit dir passiert? Du siehst ja furchtbar aus!“
Der Hase erzählte ihm unter Tränen seine ganze Geschichte, wie er die Haie überlistet hatte und wie ihm die bösen Brüder den falschen Rat gegeben hatten. Ōkuninushi hörte geduldig zu. Dann sagte er: „Das war wirklich kein guter Rat. Aber ich kann dir helfen. Geh zuerst zu dem Fluss dort drüben und wasche deine Haut vorsichtig mit dem frischen Süßwasser ab. Danach suche nach Rohrkolben-Pflanzen. Sammle die gelben Blütenpollen von diesen Pflanzen und streue sie dick auf deine Haut. Dann lege dich darauf und ruhe dich aus.“ Der Hase tat genau, was Ōkuninushi ihm geraten hatte. Er wusch sich im Süßwasser, und das tat schon viel besser. Dann sammelte er die weichen, gelben Pollen der Rohrkolben und bedeckte seinen ganzen Körper damit. Es fühlte sich kühl und lindernd an. Er legte sich in die Pollen und schlief erschöpft ein.
Als er aufwachte, war ein Wunder geschehen! Sein schönes, weißes Fell war wieder nachgewachsen, weich und dicht wie zuvor. Alle Schmerzen waren verschwunden!
Überglücklich sprang der Hase auf und verbeugte sich tief vor Ōkuninushi. „Oh, edler Ōkuninushi! Du hast mir das Leben gerettet! Deine Brüder sind gemein und werden die Prinzessin Yagami niemals bekommen. Aber du, weil du so ein gutes und freundliches Herz hast, du wirst derjenige sein, der Prinzessin Yagami heiratet!“ … denn in Wirklichkeit war auch er selbst eine Gottheit.
Und wisst ihr was? Der kleine Hase hatte Recht. Ōkuninushi gewann später tatsächlich das Herz der schönen Prinzessin Yagami und heiratete sie.
Und seitdem ist der Hase von Inaba als kluger, wenn auch manchmal etwas vorlauter Hase bekannt, der gelernt hatte, dass Freundlichkeit viel weiter bringt als Angeberei…
Und das gilt auch noch heute!

