Partnerschaft mit Tottori in Japan

Zu Gast bei guten Freunden
Mit einer Hanauer Bürgerdelegation in der Partnerstadt Tottori

Hanaus japanische Partnerstadt Tottori bot unserer Besuchergruppe erst einmal reichlich von dem, was wir am Main im vergangenen Sommer nicht hatten: Regen. Am Begrüßungsabend, dem 30. September, bliesen die Ausläufer des Taifuns Trami ziemlich heftig durch die Stadt am japanischen Meer. Das beeinträchtigte aber nicht die freundliche Stimmung, die der Vorsitzende des Freundschafts- vereins Tottori-Hanau, Toshitaka Nakagawa, ausstrahlte und die sich beim unterhaltsamen Shabu-Shabu-Essen schnell unter den Teilnehmern aus beiden Städten breit machte. Einige der Japaner waren schon in der Brüder-Grimm-Stadt zu Gast gewesen und zwei unserer sieben Delegierten waren auch nicht das erste Mal in Tottori. So war man sich nicht fremd, auch wenn das Essen mit Stäbchen erst wieder eingeübt werden musste.
    Der offizielle Teil des Programms begann am nächsten Morgen (bei wieder schönem Wetter) mit einem Besuch im Rathaus. Uns begrüßten Bürgermeister Yoshihiko Fukuzawa und Stadtratsvorsitzender Yoshihiro Shimomura. Beide hatten wenige Wochen zuvor zwar nicht Hanau besucht, aber bei einem Zwischenstopp auf dem Frankfurter Flughafen sich zwei Stunden Zeit für einen Austausch mit Mitgliedern des Hanauer Partnerschaftsvereins genommen. Und so konnte der Bürgermeister in seiner kurzen Ansprache mit einigen kenntnisreichen Vergleichen der beiden Städte aufwarten, etwa dem, dass Tottori fast doppelt so viele Einwohner wie Hanau hat, aber eine zehnmal so große Fläche umfasst. Aus der Begegnung ließ sich schnell erkennen, für wie wichtig von offizieller Seite die Partnerschaft angesehen wird. Umso bedauerlicher war es, dass auf unserer Seite kein Vertreter des Magistrats oder des Stadtparlaments mitgereist war. Ein Zeichen der Verbundenheit war uns übrigens gleich im Foyer des Rathauses aufgefallen. Dort steht ein Glasschrank mit allerlei Devotionalien aus der Stadt am Main, darunter einem Glas mit eingelegten Gewürzgurken einer bekannten Hanauer Marke.

 

  Im Übrigen galt der erste Tag ganz den schon länger bestehenden Partnerschaften zwischen Bildungseinrichtungen beider Städte. So ist die Brüder-Grimm-Schule mit der Junpu Grundschule verschwistert und die Wilhelm-Geibel-Schule mit der Nahanogo Grundschule. Geschenke und Grußbotschaften wurden ausgetauscht, was wohl so üblich ist. Wichtiger war aber für uns, die Schülerinnen und Schüler selbst zu erleben. Das begann in der Junpo Grundschule damit, dass wohl alle 270 Kinder in der Turnhalle versammelt waren und den Gästen einige Lieder vortrugen, darunter das deutsche Volkslied „Mein Vater war ein Wandersmann“ auf Japanisch. In der Nahanogo Grundschule führte eine Gruppe einen Schwerttanz vor. Dort waren wir außerdem eingeladen, mit den Kindern gemeinsam zu Mittag zu essen, wozu wir zusammen mit Übersetzern auf die einzelnen Klassen verteilt wurden. Neugierig wurde beobachtet, wie wir mit dem fremden Essgerät, den Stäbchen, zurecht kamen. Als ich danach auf die Idee kam, „meiner“ Klasse einen Elefanten auf ein Blatt Papier zu zeichnen, schmolzen alle Hemmungen dahin und ich musste eine halbe Stunde lang ein Blatt nach dem anderen entweder mit Elefanten oder Hasen, die von den Tottorianern als heilig verehrt werden, füllen.
   Am Nachmittag besuchten wir den Inaba Kindergarten. Er ist mit der Hanauer Alice Salomon Kita verschwistert. Während die ganz Kleinen dort noch ihren Mittagschlaf hielten, hatten die Kita-Leitung und die mit ihr verbundene Cellistin Fusayo Matsuura die größeren Kinder in der Aula des rund 200 Plätze umfassenden privaten Kindergartens versammelt, um uns allen ein kleines Konzert mit Gesang, Cello und Klavier zu geben. In allen drei Einrichtungen fanden wir an gut sichtbaren Orten vielfältige Hinweise auf die Partnereinrichtungen in Hanau.
   Frau Matsuura hatte noch ein besonderes Gastgeschenk für uns organisiert: wir durften im Hause ihrer Schwester an einer Teezeremonie teilnehmen, was, wie der Begriff der Zeremonie schon andeutet, für Japaner von hoher symbolischer Bedeutung ist.
Am Tag darauf stand ein Besuch des Warabekans im Mittelpunkt des Programms. Aus Anlass des 100. Jahrestags der ersten Aufführung von Beethovens Neunter Sinfonie mit der „Ode an die Freude“ in Japan hielt ich dort einen Gastvortrag über die völkerverbindende Wirkung von Musik und die Bemühungen von Komponisten, durch ihre Werke zum Frieden beizutragen. Trotz der frühen Nachmittagsstunde war der Vortrag mit über 80 Zuhörern gut besucht. Der Warabekan selbst spielt auch eine besondere Rolle in den Beziehungen zwischen Tottori und Hanau. Er beherbergt ein internationales Spielzeugmuseum. Dieses motivierte vor vielen Jahren die Gründerin und langjährige Leiterin des Hanauer Puppenmuseums Gertrud Rosemann, zwischen beiden Häusern einen Austausch zu organisieren. Aus ihm erwuchs die Städtepartnerschaft. Mitten in diesem Museum steht eine Vitrine, die hieran erinnert. In ihr befinden sich unter anderem ein Modell des Hanauer Museums in Wilhelmsbad sowie eine Gertrud Rosemann gewidmete Tafel.
   Für den Abend hatte der Freundschaftsverein zu einem weiteren Empfang geladen, an dem auch Bürgermeister Fukuzawa und sein Amtsvorgänger Isao Takeuchi teilnahmen, und bei dem wir durch mehrere Aufführungen einer Trommelgruppe geehrt wurden.
Das offizielle Besuchsprogramm endete am nächsten Morgen mit einem Besuch der großen Düne und des Sandmuseums. Dieses Museum stellt unter Mitwirkung internationaler Künstler in jedem Jahr unter einem Dachthema riesige Sandskulpturen aus. In diesem Jahr geht es um die nordischen Länder. Vor ein paar Jahren war Deutschland das Thema. Wir konnten auf einer Wand mit Fotos sehen, was damals geschaffen worden war, und wunderten uns kaum noch darüber, dass sich auch eine Nachbildung des Brüder-Grimm-Denkmals darunter befand.
   Nach einem offiziellen Abschiedsfoto fuhren wir noch zu drei Begegnungen, die wir persönlichen Beziehungen aus vorangegangenen Besuchen in die eine oder andere Richtung verdankten: Zunächst im Hause der Papierkünstlerin Chieko Yamamoto, von der sich Arbeiten im Hanauer Puppenmuseum befinden, und über deren Arbeitstisch auch ein Bild des Brüder-Grimm-Denkmals hing. Wir übten mit ihr in einer Schnell-Einführung die Möglichkeiten ein Klebebild zu gestalten. Sodann besuchten wir einen mit vielen Preisen gewürdigten alten Meister der Maskenschnitzerei, Kanji Nakayama, der vor uns eine wahre Schatzkiste von wunderbar bemalten Masken für das No-Theater öffnete. Schließlich führte uns noch Frau Kazuko Hada durch den Hijiri Kannon Bosatsu Tempel. Dort konnten wir den Nachmittag mit einem zwanglosen Gespräch bei grünem Tee vor der Kulisse eines spätsommerlichen Gartens ausklingen lassen.
   Alles in allem waren wir sehr berührt, wie stark sich der Freund- schaftsverein und die Stadtoberen ins Zeug gelegt hatten, um unserer Delegation ein vielseitiges und anspruchsvolles Programm zu bieten, bei dem die zwischenmenschlichen Begegnungen nicht zu kurz kamen. Das sollte unserem Verein, aber auch der Stadt Hanau für den nächsten Gegenbesuch als Ansporn dienen.

Reisebericht von Prof. Dr. Berthold Meyer, der die Hanauer Delegation dankenswerterweise geleitet hat und ihn auf dem nachstehenden Foto beim Austausch von Gastgeschenken mit Tottoris Bürgermeister Yoshihiko Fukuzawa zeigt.


Tottori im Oktober 2018: Gastgeber und Gäste stellen sich hier dem Fotografen



Und das war am 17. November im Hanauer Anzeiger zu lesen:

Musik verbindet Kontinente
Freundschaft zur Partnerstadt Tottori soll sich weiterentwickeln

„Alles in allem waren wir sehr berührt davon, wie groß das Interesse in Japan an Deutschland ist.“ Professor Berthold Meyer und Karl Friedrich Schüttler sind von dem überaus freundlichen Empfang in Hanaus Partnerstadt Tottori noch immer tief beeindruckt. Auch das Programm sei sehr vielseitig und abwechslungsreich gewesen, die zwischen-  menschlichen Beziehungen seien weiter gewachsen.
  Eine kleine, siebenköpfige Delegation des Partnerschaftsvereins Tottori-Hanau durfte vom 30.September bis 3.Oktober die japanische Gastfreundschaft genießen. Teil des offiziellen Programms ist der Empfang bei Bürgermeister Yoshihiko Fukuzawa und Stadtrats-vorsitzender Yoshihiro Shimomura, ein Zeichen dafür, dass die Freundschaft mit der Brüder-Grimm-Stadt in Tottori einen hohen Stellenwert einnimmt. Für die Verbundenheit spricht außerdem, dass Geschenke aus der deutschen Partnerstadt im Foyer des Rathauses in einer Glasvitrine ausgestellt sind. Im Sandmuseum, in dem große Plastiken modelliert werden, steht unter anderem eine Nachbildung des Hanauer Brüder- Grimm-Denkmals.
  Vor allem die Partnerschulen und der Inhaba-Kindergarten, den eine Partnerschaft mit der Hanauer Kita Alice-Salomon verbindet, haben die Besuchergruppe aus Hanau mit Aufführungen sehr herzlich empfangen. „Diese große Begeisterung für Musik, auch für europäische Musik, der Spaß am Singen und Musizieren, das hat uns wirklich überrascht.“ Die Brüder-Grimm-Schule ist mit der Junpu Grundschule verschwistert, die
Wilhelm-Geibel-Schule mit der Nahanogo Grundschule. In der Junpo- Grundschule versammeln sich alle 270 Kinder und tragen unter anderem das deutsche Volkslied „Mein Vater war ein Wandersmann“ auf Japanisch vor, Die Schüler der Nahanogo Grundschule führen unter anderem einen traditionellen Schwerttanz auf; anschließend sitzen Kinder und Gäste aus Deutschland gemeinsam am Mittagstisch in der Schulmensa.
  Das überaus große Interesse an klassischer Musik zeigt sich ebenfalls in dem sehr gut besuchten Vortrag, den Professor Meyer zum Thema Musik und Völkerfreundschaft hält. Ausgangspunkt ist Beethovens 9. Sinfonie mit der „Ode an die Freude“ oder „Dai-Ku“, wie sie auf Japanisch heißt. Sie wurde am 1. Juni dieses Jahres in Naruto auf Shikoku mit etwa 1000 Sängerinnen und Sänger aus verschiedenen Ländern aufgeführt. Der Anlass:  genau 100 Jahre zuvor war die 9.  Sinfonie erstmals auf asiatischem Boden erklungen – und zwar an derselben Stelle, im damaligen Kriegsgefangenenlager Bando.“ Die „Ode an die Freude“ wird zudem als inoffizielle Nationalhymne Japans bezeichnet – und ist die offizielle Europahymne. „Mit der Musik haben wir ein gemeinsames Thema, mit dem wir unsere freundschaftlichen Beziehungen weiter entwickeln können“, so Meyer und  Schüttler. Die Schulpartnerschaft gestaltet sich über die weite Entfernung – trotz des großen gegenseitigen Interesses - als schwierig. Ein Schüleraustausch, wie mit europäischen Partnerschulen, kommt mit Japan nicht zustande.
  Seit mehr als zehn Jahren pflegen Berthold Meyer und Karl Friedrich Schüttler den Kontakt zu Tottori. Sie unterstützen die Ziele des 2005 gegründeten Partnerschaftsverein  Tottori-Hanau, der die Freundschaft mit Tottori fördern will. Die Stadt am japanischen Meer besitzt übrigens fast doppelt so viele Einwohner wie Hanau, allerdings eine zehnfach größere Fläche. Die ersten Verbindungen nach Tottori knüpfen allerdings 1989 die Hanauer Soroptimisten und etwas später Getrud Rosemann, die zwischen dem Hessischen Puppen- und Spielzeug- museum und dem Internationalen Spielzeugmuseum  "Warabekan" in Tottori wechselseitige Ausstellungen organisiert. Diesen ersten Freundschaftsabkommen folgen die partnerschaftlichen Schul-beziehungen.
  Diese Partnerschaften müsse man auch immer wieder erneuern, so Rita Thomann, die Leiterin der Geibelschule in Kesselstadt im Gespräch mit Berthold Meyer und Karl- Friedrich Schüttler. Nicht nur in Hanau, auch in Tottori würden Schulleiter und  Kontaktpersonen wechseln. „Unsere Dritt- und Viertklässler haben als Geschenk ein Kochbuch mit deutschen Rezepten erstellt; das wurde ins Japanische übersetzt. Zurzeit bereiten wir ein Märchenbuch für unsere Partnerschule vor“, so Thomann über die Aktivitäten an der Geibelschule. Im Augenblick könne auch ihre Grundschule japanische Gäste mit einem Schulchor empfangen; 40 bis 60 Kinder seien mit großer Freude in der  AG. Zu Festen und zur Einschulung seien die Kinder bereits aufgetreten. „Das gelingt aber auch nur, weil im Augenblick Kollegen mit entsprechender Aus- oder Weiterbildung an der Grundschule lehren. Musiklehrer für die Grundschule sind schwer zu finden“, so die Schulleiterin. Gerne werde die Geibelschule Gäste aus Japan begrüßen, man müsse die Termine nur rechtzeitig einplanen können.
 Gerade im Bereich Musik hat die Arbeit des Vereins Früchte getragen haben. „Bereits im September 2019, so hoffen wir, werden japanische Musiker in Hanau Konzerte geben können,“ so Meyer und Schüttler. Darüber hinaus könnten sich über weitere Inhalte die Beziehungen vertiefen. nachhaltige Energie sei beispielsweise auch in Japan ein wichtiges Thema. „Die offiziellen Vertreter Tottoris haben uns einen sehr herzlichen Empfang und ein vielseitiges Programm geboten. Das sollte unserem Verein, aber auch der Stadt Hanau für den nächsten Gegenbesuch als Ansporn dienen.


Professor Berthold Meyer (links) und Pfarrer i.R. Karl-Friedrich Schüttler berichten von ihrem Besuch in der Nahanago-Schule. Sie haben für die Leiterin der Geibelschule, Rita Thomann, kleine Geschenke der japanischen Partnerschule im Gepäck, wie ein Tuch mit der Symbolfigur Inaba, dem "weißen Hasen".

Text und Foto von Ulrike Pongratz.                                                                        Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.